Schweiz wählt Wasserköpfe – zum Rechtsrutsch bei den Parlamentswahlen 2015

Die neunzig Änderungsanträge des Thomas Aeschi wurden abgeschmettert. Der SVP-Fraktionschef (Finanz) wollte bei der Entwicklungshilfe noch einmal 100 Millionen Franken sparen, als das Parlament. Insgesamt eine Viertelmilliarde. Beim Bundespersonal sollten Querschnittkürzungen von 300 Millionen Franken (149 Millionen will Bundesrat Ueli Maurer ohnehin sparen) durchgeführt werden.

Alles nur zum Schuldenabbau. Und woher kommen die Schulden? Hat bei der Finanzkrise 2008 nicht der Staat einer gewissen Bank 68 Milliarden Franken geschenkt?

Für Roger Köppel gehen die ganzen Einsparungen jedoch noch zu wenig weit. Er sei in de Politik eingestiegen, um den Staatsabbau voranzutreiben: “In Bern hocken zu viele Etatisten, die nicht konsequent für die Freiheit der Bürger und gegen Umverteilung kämpfen.

Wer nun SVP gewählt hat, hat diejenige/derjenige nicht Bauernvertreter oder Gewerbler gewählt? Sind es nicht solche menschennahe Volksvertreter, welche im Parlament nun das sagen haben? Weit gefehlt! Längst hat in der SVP ein Kulturwandel stattgefunden wodurch nun Juristinnen, Banker und UnternehmerInnen das Sagen haben. Dazu gehören nebst Roger Köppel Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher, Banker Thomas Matter und Harvard-Absolvent Thomas Aeschi (der neue Fraktionschef).

Nun weiss aber das rechte Wahlvolk nicht, was es will. An der Urne verlor die rechte Mehrheit die Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform III.

Wer nun meint, dass die auf nationaler Ebene gewählten Wasserköpfe für das Volk alleine wenig ausrichten, täuscht sich. Auf nationaler Ebene ist es leichter, Staatsabbau, Deregulierung und Privatisierung durchzusetzen, als auf kantonaler Ebene oder in den Gemeinden. Politologe Jean Müller sagt dazu: “Weiter unten ist die Politik konkreter, und die Auswirkungen sind unmittelbar spürbar. Streicht man jedoch in Bern die Ergänzungsleistungen zusammen, merken das die Kantone und Gemeinden erst ein paar Jahre später. Die Stimmbürger realisieren also lange nicht wirklich, wie sich die rechte Parlamentsmehrheit auswirkt.”

Zum Abschluss noch eine Aussage von SP-Nationalrat Beat Jans: “Nun hat der Nationalrat die Revision des Steuerstrafrechts versenkt und damit das Bankgeheimnis im Inland besiegelt. Das zeigt, dass sich rechts von Grünen und SP niemand mehr für ein gerechtes Steuersystem einsetzt. Die beste Lobby in diesem Parlament haben die Milliardäre.”

WOZ Nr. 45/2017 vom 09.11.2017: sauber bleiben in “VON OBEN HERAB” von Stefan Gärtner

Die Kolumne “VON OBEN HERAB” von STEFAN GÄRTNER finde ich sehr lesenswert und erhellend. Nachfolgend zitiere ich ein paar Ausschnitte aus “Sauber bleiben” (für Abonennten: https://www.woz.ch/1745/von-oben-herab/sauber-bleiben) aus der WOZ Nr. 45/2017 vom 09.11.2017.

…weil er seinen Adorno kennt und weiss, dass auf dem Grunde der herrschenden Gesundheit der Tod liegt.

Ein Zitat dazu vom Philosophen Robert Pfaller:

…Während uns das Rauchverbot als Fortschritt verkauft wird, finden enorme politische Beraubungen statt. Sie haben heute vielerorts keinen Anspruch mehr auf öffentlich finanzierte Hochschulbildung, auf soziale Sicherheit oder auf eine verlässliche Altersvorsorge – geschweige denn auf Würde, Eleganz und Genuss. Das müssen Sie alles privat für sich regeln. Die Öffentlichkeit wird zu eine Sphäre von Verboten und von Verzicht.

Und dazu Stefan Gärtner:

…Sofern es diese Öffentlichkeit denn noch irgendwo gibt, mit höflichen Leuten in feinen Kleidern.

Zum Schluss:

Unterm Diktat freier Wirtschaft, die täglich Millionen Tonnen Giftdreck in die Luft bläst, mag der Planet vor die Hunde gehen, aber auf Schweizer Bahnhöfen soll bald überhaupt nicht mehr geraucht werden dürfen, obwohl das ja nun wirklich niemanden stört. Das hat, so wenig wie die Abschaffung der Raucherwaggons, nichts mit Nichtraucherinnenschutz, sondern mit Gängelung zu tun, weil dem Apparat alles suspekt ist, was mit Marcuses Grosser Verweigerung zu tun haben könnte, deren Emblem die Rauchpause ist, diese Feier lustvoll sinnlos verbrachter Zeit.
Ob in unseren hemmungslosen Zeiten mit der Rücksicht verbotsbefreiter Rauchfans zu rechnen wäre, ist freilich eine andere Frage; sodass ich als einer, der nicht mehr gern nach Beizenqualm stinkt, am Ende genau dem Apparat dankbar sein muss, der es so weit hat kommen lassen.
So kriegen sie einen.

megafon 405 (3.2016) “Lebenswert nachdenken”

Der Artikel “Lebenswert nachdenken” in der Nummer 405 (März 2016) vom megafon (” – die Zeitung aus der Reitschule Bern”) fand ich dermassen interessant, dass ich daraus einige Passagen hier aufführen möchte.

Wer hat wann und wo erfunden, dass das Leben zu Ende gelebt werden muss und dies für gut befunden?

Das Leben ist doch ein Geschenk! Die, die dies so sagen und denken, entscheiden und werten darüber, was andere zu leben, lieben und zu beenden haben und was nicht, und auch nicht in Würde beenden dürfen, was schon lange nicht mehr lebenswert ist. Wo beginnt lebenswert, wo hört es auf?

Tiere dürfen gequält, misshandelt und gegessen werden.

Welches Leben ist mehr wert? Wer definiert den Wert und wer bitte weiss, was richtig oder falsch ist?

Darf auch gesundes Leben freiwillig beendet werden? Und wieder Fragen – was ist gesund? Ist gesund sein und glücklich sein verbandelt? Darf man gesund unglücklich sein?

 

Zitat aus der NZZ Online

Über das Sommerloch in den Medien habe ich ein gutes Zitat in einem Artikel der NZZOnline gefunden:

In der heissen Zeit des Jahres, wenn die Zeitungen dünner werden und das Fernsehen dümmer wird, gleichen die blossgelegten Hautoberflächen das Informationsdefizit aus.

Tatsächlich ist der ganze Artikel nicht nur sehr unterhaltsam, er ist auch äusserst lehrreich. Der Artikel heisst im Titel “Altersflecken auf der moralischen Haut” und ist unter folgendem Link abrufbar.

Auf einer Kugel ist jeder Punkt ein Mittelpunkt

Hier einige, wie ich finde, gute Passagen aus einem Interview mit Thomas Hürlimann im derBund vom 2. Juli 2011.

DerBund: Die Globalisierung macht auch uns Heutigen zu schaffen.
Thomas Hürlimann: Ja, wir müssen uns in einer neuen Epoche neu definieren wie die Eidgenossen 1798 beim Einmarsch der napoleonischen Truppen. Das Neue zu akzeptieren, fällt schwer, denn heimisch sind wir immer nur im Konkreten, das heisst im “Gewachsenen”. Ernst Jünger hat gesagt: “Auf einer Kugel ist jeder Punkt ein Mittelpunkt”. Es geht darum, in der globalen Welt unseren Punkt zu retten.

DerBund: Was können wir von unseren Vorfahren lernen, die damals die Epochenwende bewältigt haben?
T.H.: Seit den Söldnerzeiten ist die Schweiz international vernetzt. Allerdings gehen wir mit diesen günstigen Verbindungen nicht selbstbewusst um, sondern defensiv und ängstlich.

T.H. weiter zur Schweizer Politik: Anders als die Schweizer Wirtschaft, ist unsere Politik nach innen gerichtet. Zur Zeit der Raubgoldaffäre war es den Schweizer Politikern offenbar nicht bewusst, dass sie in den USA über die Fernsehsender liefen. Sie sprachen immer nur zu den Schweizern. Es ist unglaublich, dass in Bern kein Mensch wahrhaben will, in welch brandheisser Situation unser Land steckt. Die Sensibilität für die Aussenwelt ist uns abhandengekommen.

T.H. zur Abschottung der Schweiz: Mit der spanischen Grippe 1918 war es mit der Freiheit in der Schweiz vorbei. Beispiele wie Lenin in Zürich oder die Anarchistenschule im Tessin zeigen, das man in der Schweiz mal denken, sagen, schreiben und publizieren durfte, was man wollte. Mit der Grippe entstand die Furcht, das Böse komme von aussen – wie die Viren. Da begann die Abschottung. Um es mit Nietzsche zu sagen: Man richtete die Nüstern nach innen. Und das ist gefährlich. Weil man dann den Arsch zur Welt hat. Und dann kann es eben sein, dass man in diesen Arsch getreten wird.

Michèle Roten hat wieder einmal ins schwarze getroffen

Erstes gutes Zitat von Michèle Roten:

Leserbriefwellen sind nie dümmer, als wenn sie von rechts kommen.

Also bitte, 57% der Schweizer Stimmenden, lasst es! Wenn wir Eure Meinung hören möchten, können wir auch Hitler’s “Mein Kampf” lesen.

Dann konnte weiter unten in der Kolumne in “Das Magazin” von Michèle Roten folgendes gelesen werden:

… so sehr es manchmal auch schmerzt, es ist doch wichtig, zu wissen, wovon man umgeben ist. Man darf sich nichts vormachen, sich nicht einlullen lassen von der künstlichen kleinen, schönen Welt, die man sich erschaffen hat – denn die grössere Welt ist ja meist so ganz anders drauf.

Haben Sie vielen Dank Frau Roten!

Quelle: DAS MAGAZIN, No 40, 9.10 – 15.10.2010 (DasMagazin.ch)