Auf einer Kugel ist jeder Punkt ein Mittelpunkt

Hier einige, wie ich finde, gute Passagen aus einem Interview mit Thomas Hürlimann im derBund vom 2. Juli 2011.

DerBund: Die Globalisierung macht auch uns Heutigen zu schaffen.
Thomas Hürlimann: Ja, wir müssen uns in einer neuen Epoche neu definieren wie die Eidgenossen 1798 beim Einmarsch der napoleonischen Truppen. Das Neue zu akzeptieren, fällt schwer, denn heimisch sind wir immer nur im Konkreten, das heisst im “Gewachsenen”. Ernst Jünger hat gesagt: “Auf einer Kugel ist jeder Punkt ein Mittelpunkt”. Es geht darum, in der globalen Welt unseren Punkt zu retten.

DerBund: Was können wir von unseren Vorfahren lernen, die damals die Epochenwende bewältigt haben?
T.H.: Seit den Söldnerzeiten ist die Schweiz international vernetzt. Allerdings gehen wir mit diesen günstigen Verbindungen nicht selbstbewusst um, sondern defensiv und ängstlich.

T.H. weiter zur Schweizer Politik: Anders als die Schweizer Wirtschaft, ist unsere Politik nach innen gerichtet. Zur Zeit der Raubgoldaffäre war es den Schweizer Politikern offenbar nicht bewusst, dass sie in den USA über die Fernsehsender liefen. Sie sprachen immer nur zu den Schweizern. Es ist unglaublich, dass in Bern kein Mensch wahrhaben will, in welch brandheisser Situation unser Land steckt. Die Sensibilität für die Aussenwelt ist uns abhandengekommen.

T.H. zur Abschottung der Schweiz: Mit der spanischen Grippe 1918 war es mit der Freiheit in der Schweiz vorbei. Beispiele wie Lenin in Zürich oder die Anarchistenschule im Tessin zeigen, das man in der Schweiz mal denken, sagen, schreiben und publizieren durfte, was man wollte. Mit der Grippe entstand die Furcht, das Böse komme von aussen – wie die Viren. Da begann die Abschottung. Um es mit Nietzsche zu sagen: Man richtete die Nüstern nach innen. Und das ist gefährlich. Weil man dann den Arsch zur Welt hat. Und dann kann es eben sein, dass man in diesen Arsch getreten wird.

Michèle Roten hat wieder einmal ins schwarze getroffen

Erstes gutes Zitat von Michèle Roten:

Leserbriefwellen sind nie dümmer, als wenn sie von rechts kommen.

Also bitte, 57% der Schweizer Stimmenden, lasst es! Wenn wir Eure Meinung hören möchten, können wir auch Hitler’s “Mein Kampf” lesen.

Dann konnte weiter unten in der Kolumne in “Das Magazin” von Michèle Roten folgendes gelesen werden:

… so sehr es manchmal auch schmerzt, es ist doch wichtig, zu wissen, wovon man umgeben ist. Man darf sich nichts vormachen, sich nicht einlullen lassen von der künstlichen kleinen, schönen Welt, die man sich erschaffen hat – denn die grössere Welt ist ja meist so ganz anders drauf.

Haben Sie vielen Dank Frau Roten!

Quelle: DAS MAGAZIN, No 40, 9.10 – 15.10.2010 (DasMagazin.ch)

Zusammenfassung “DIE ZÄHMUNG DES MENSCHEN” von R. Safranski

Nachfolgend einige Textschnipsel aus einem Essay von R. Safranski, das im Spiegel 38/2010 veröffentlicht wurde.

Am interessantesten fand ich den Abschnitt über die drei grossen Kränkungen des Menschen.

Es war Schopenhauer, der zuerst jene später von Freud sogenannten drei grossen Kränkungen des menschlichen Grössenwahns im Zusammenhang bedacht hat, Kränkungen, die zur Signatur des modernen Welt- und Selbstbewusstseins gehören. Die kosmologische Kränkung: Unsere Welt ist eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, “auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat”. Die biologische Kränkung: Der Mensch ist ein Tier, bei dem die Intelligenz lediglich den Mangel von Instinkten ausgleicht. Die psychologische Kränkung: Das bewusste Ich ist nicht Herr im eigenen Hause. Schopenhauer hat zu einer Zeit, die noch vom Vernunftglauben erfüllt war, mit rationaler Erkenntnis das Nichtrationale der Lebensprozesse aufgedeckt, weshalb ihn Thomas Mann den “rationalsten Philosophen des Irrationalen” nannte.

Besonders fand ich in der oben zitierten Textpassage den Satz: “Der Mensch ist ein Tier, bei dem die Intelligenz lediglich den Mangel von Instinkten ausgleicht.”

Weiter interessant fand ich die Einsicht der Beziehung des Menschen zur Natur.

Der Begriff “Wille” bezeichnet nicht die rationale Absicht, sondern den unersättlichen Trieb, das ruhelose Begehren. Der Wille will nur sich selbst, will leben, überleben. Vor der Natur des Willens müsste es uns eigentlich “grausen”. Da gibt es kein bergendes Reich der Mütter. Wir können nicht mit einer Erde befreundet sein, deren Zufallsprodukt wir sind und die mit unserem Tod das Leben der Gattung erhält. Die Natur ist kein Ort stiller Besänftigung, sondern ein dschungelhaftes Kampfgetümmel.

Einige Stellen weiter weist Safranski darauf hin, dass Schopenhauer die Welt ziemlich düster gesehen hat. So ist z.B. das Mitleid für Schopenhauer die einzige authentische Quelle der Moral. Damit bleibt nur der egoistische Wille, der Lebenstrieb im Menschen. Dieser Wille (was genau Schopenhauer mit “Wille” meinte, kann auf Wikipedia nachgelesen werden) kann nur durch Verneinung gegen sich selbst gewendet, also für kurze Zeit abgewendet, werden.

Schlussendlich kommt es darauf an, hochgesinnt und hochgemut auch ohne Glauben an ein höheres Wesen zu sein. Und damit ist Safranski am Schluss und aus meiner Sicht bei seinem eigentlich Anliegen angelangt. In den Worten Schopenhauers:

In der Kraft zur Überwindung des selbstsüchtigen Willens liegt für ihn die Würde des Menschen beschlossen.

Wir müssen zurückrudern. Das wäre der Fortschritt, der an der Zeit ist.

Peter Bichsel zu Religion und Atheismus

In einem Interview mit der Wochenzeitung WOZ vom 24.Dezember 2009 äusserte sich Peter Bichsel zur Frage, was Besonderes denn an Weihnachten sei wie folgt:

Ich weiss, was ein frommer Mensch ist, weil ich es als Kind und Jugendlicher war, und zwar selbstgewählt, nicht durch meine Eltern. Heute bin ich nicht mehr fromm, aber ich bin ein religiöser Mensch, das krieg ich nicht weg. Ich brauche eine sinnvolle Erklärung für diese Welt.

Zum Thema Atheismus äussert sich Peter Bichsel dann:

Ich glaube an Gott, aber ich weiss, dass es ihn nicht gibt. Könnte man den Gottesbeweis erbringen, würde er mich nicht mehr interessieren. Gott ist nicht Realität, er ist ein Stück Wahrheit.

Danach erläutert Bichsel die Aussage, was ich dann am Interessantesten fand:

Die schrecklichsten Sektierer für mich sind die Atheisten. Die Freidenker machen eine Religion aus ihrer Ablehnung. Schauen Sie sich um: All die Religionen, die es heute gibt! Die Religion der Nichtraucher, mit denen haben wir jetzt unsere Schwierigkeiten. Ich nicht mehr zuhören, wenn mir jemand die Astrologie erklären will. Er ist absolut Fundamentalist. Er wird sehr laut, wenn er mir seine Religion erklärt, und er hat Beweise. Die Homöopathie, die Bachblüten oder die Esoterik: Ein Fundamentalismus neben dem anderen!

Anschliessend wird erläutert, dass Fundamentalismus ein Grundbedürfnis des Menschen sei, und das er offenbar auch habe.

Ich frage mich dazu oft: Warum geht es nicht ohne Fundamentalismen?

Super Kommentar zum WM-Match Chile – Schweiz vom 21.6.2010

In der WOZ Die Wochezeitung (woz.ch) war am 24.6.2010 ein aus meiner Sicht super Kommentar zum Fussball-Match vom 21.6.2010 Chile – Schweiz an der Weltmeisterschaft 2010 zu lesen. Und zwar ging es um die vielen rassistisch motivierten Kommentare, die auf vielen Webseiten zu lesen und in der Öffentlichkeit zu hören waren. Die Kommentare betrafen die Entscheidungen des Schiedsrichters, der, nur nebenbei bemerkt, in dieser Partei auch ab und zu “Unparteiischer” genannt wurde. Ich habe mir die Qual angetan und den ganzen(!!!) Match im Schweizer Fernsehen angesehen. Doch nun zurück zum Kommentar von Pedro Lenz, der schon einige sehr interessante Beiträge und Bücher geschrieben hat. Der letzte Abschnitt war der Folgende:

Der Alltag hat uns also wieder. Vorbei das schöne Geplauder von Völkerverständigung im Regenbogenland. Kaum geht es hart auf hart, kehrt der alte Rassendünkel zurück an die Oberfläche: Dort draussen die dreckigen Kameltreiber und hier im Inland die selbstgerechten Opfer. Heil dir, Helvetia! Pedro Lenz

Quelle
WOZ Die Wochenzeitung www.woz.ch

Wertung von Arbeit

Grosse Bravo, Chapeau & Merci dem Blutspendedienst Bern (blutspendedienst-bern.ch)

Heute war ich wieder einmal Blutspenden. Da sind also ein paar Frauen, die eine wirklich super Leistung vollbringen, auf oberstem Qualitätsniveau und das gratis. Diese empfangen jede/n sehr herzlich, betreuen ihn/sie und sorgen auch noch für eine lockere Atmosphäre. In welcher Bank finden Sie das? Jemand der ein Hemd trägt, muss noch lange nicht anständig sein! Sonst besucht mal den Mobilzone-Laden am Bärenplatz in Bern!

Daneben gibt es tausende Hemdenträger, die tonnenweise, mit Arbeit verdientes, Geld aus dem Fenster werfen.

Welchen Stellenwert hat also dann Arbeit gegen Geld noch? Sollte man nicht mal den Lohn, der tendenziell für mehr Arbeitszeit, kleiner wird, abschaffen? Was meint ihr?

Bin gespannt auf Eure Kommentare!

Ein Faustschlag in’s Gesicht

Also ich muss hier mal wieder etwas Dampf loswerden

Wenn die Banken hart verdientes Geld absichtlich in den Sand setzen und andere dafür büssen müssen, dann finde ich das ungerecht. Wenn aber die genau gleichen Leute, die die Banken verteidigen, einer 30% arbeitenden Mutter (mit 2 Kindern), die trotz der Arbeit zum Bezug von Sozialhilfe gemacht wird, in’s Gesicht sagen dürfen, die Sozialhilfe verpuffe und untersütze “Sozialschmarozer” dann muss das wie ein Faustschlag aufs Auge jedes Sozialhilfeempfängers sein, der eigentlich arbeiten MÖCHTE. Mann kann diesen vollständig unfähigen (dafür aber gut angezogenen) Leuten sogar noch eine Person vorsetzen, die seit 8 Jahren Bewerbungen schreibt und gelegentlich arbeiten kann und die sagen dann immer noch, Sozialhilfe muss gekürzt werden, weil Sozialhilfeempfänger zu faul sind. Bitte bitte verschont mich von SVP-Parolen, die 20Minuten, Blick oder was es noch für volksverblödende Medien gibt, vertreiben. Es gibt keine Sozialschmarozer aber es gibt Firmen, die nicht Geld horten, sondern, entgegen ihrem Namen, vernichten! Das war eine Abklenkung und es gibt jetzt wieder, und es wird sie immer geben! Wie ein Taschendieb rempeln uns diese Leute zwar an und wir denken nach einem “Entschuldigung”, sie haben’s gar nicht absichtlich gemacht. Dies erweist sich aber nach einem Griff nach hinten rechts als Trugschluss.

Die Menschen aus der Politik, die öffentlich für Sozialhilfepolitik zu ihrer Meinung beigezogen werden, sind der Meinung, dass z.B. Unternehmer aktiv angegangen werden sollten, ob sie nicht vielleicht Lust hätten, einen Sozialhilfeempfänger einzustellen. Meist zahlt da noch die Sozialhilfe mit. Die Sozialhilfe sollte aber das Geld ausgeben können, um die Sozialhilfeempfänger wieder eingliedern zu können, was sie aber wegen mangelnden Ressourcen bekannterweise schon lange nicht mehr kann. Also wie perfid ist sowas denn? Passt aber ziemlich gut zu dem, was Sozialhilfeempfängern gesagt wird. Nämlich: Du musst zwar Arbeiten, aber davon Leben kannst Du wahrscheinlich nicht.

Quelle

Der Club vom 05.01.2010 zum Thema: “Arm in der reichen Schweiz – Ein Luxusproblem?” (Eine Sendung von sf. Ist auf www.sf.tv als Podcast downloadbar)